Neu auf der Palliativstation ist der Klangstuhl, ein voluminöses Saiteninstrument, auf dem Gaby Flossmann (r.) spielt. Der Körper des Patienten oder Angehörigen, der darauf Platz nimmt, „badet“ regelrecht im Klang. Die Klänge, Vibrationen und Schwingungen hüllen ihn ein. - Foto: Klinikum
Musik sorgt für Entspannung, sie ist Kraftspenderin und löst Emotionen aus: Was mit Musik im Generellen möglich ist, gilt speziell auch für Palliativpatienten. Seit sechs Jahren begleitet Musiktherapeutin Gaby Flossmann am Klinikum Passau Patienten und deren Angehörige auf der Palliativstation. „Musik schafft eine einhüllende Atmosphäre – etwas sehr Elementares, besonders wenn Ängste oder Schmerzen als Symptome auftreten.“ Dann könnten sich ganz unverfälschte Momente ergeben, fasst die 48-Jährige die besondere Wirkung der Klänge zusammen.
Im Palliativbereich geht es um Symptomkontrolle, darum, Symptome wie Atemnot oder Schmerzen zu reduzieren und Lebensqualität zu erhalten. „Als Musiktherapeutin habe ich in der Palliativmedizin mehrere Herangehensweisen: die aktive Musiktherapie oder die rezeptive Musiktherapie“, erklärt Gaby Flossmann. Entweder ihr Gegenüber singt oder spielt aktiv mit, etwa mit Instrumenten wie Trommeln, Klangstäben, Rasseln oder mit der Kalimba – und kann dadurch ein Stück weit Selbstwirksamkeit erleben und Entlastung erfahren. Oder die Therapeutin spielt mit ihren Instrumenten Musik im Sinne eines „Fürspiels“ vor. „Es geht um Entspannung, Atemregulation und Beruhigung“, erklärt Gaby Flossmann, wie die besondere Stimmung entsteht. „Und wenn ich dann noch die Stimme mit einsetze, wird das sehr direkt, unmittelbar“, sagt sie. „Bei einem Patienten mit reduzierter Vigilanz, also mit geringer Wachheit oder Aufmerksamkeit, gehe ich mit dessen Atemrhythmus mit – so entsteht eine Einheit.“ In Würde und auf Augenhöhe.
Entspannung spüren, Selbstwirksamkeit erleben, Schmerzen reduzieren – „hier gibt es gute Möglichkeiten, mit Musik ranzugehen“, weiß die Musiktherapeutin aus jahrelanger Erfahrung. So könne durch den Einsatz von Musik die Ausschüttung von Endorphinen gesteigert werden. Endorphine sind die „körpereigenen“ Schmerzmittel – sie können die Schmerzreduktion begünstigen. „Die Glückhormone wie Dopamin und Serotonin können erhöht werden, wenn wir Musik hören oder selbst musizieren bzw. singen“, erklärt Gaby Flossmann. Auch dieser Anstieg wirke indirekt schmerzlindernd, weil vom Schmerz abgelenkt wird. Im gemeinsamen Musizieren oder Singen reagiert der Körper mit vermehrter Oxytocin-Ausschüttung, das „Kuschel-Hormon“, das mit Verbundenheit und Nähe in Verbindung gebracht wird.
Wichtig, so Gaby Flossmann, sei ihr auch die Arbeit mit den Angehörigen, die ebenso mit der Situation zu kämpfen hätten. „Sie können aktiv mitmachen oder einfach zuhören, durchatmen und regenerieren“, sagt sie und betont: „Manchmal ist es unsere Aufgabe, Angehörige zu erinnern: Man darf sich Momente für sich selber erlauben.“
Die Wirkung von Musik könne verschiedene Ebenen günstig beeinflussen: die körperliche Ebene, etwa, dass der Puls ruhiger werde. Die mentale Ebene, auf der durch die Klänge innere Bilder entstehen könnten, „hier kann ich durch Musik eintauchen, vielleicht an einen Ort gelangen, an dem es mir gut geht“. Und die seelische Ebene: Sinn- und Identitätserleben.
Die Zusammenkünfte finden in einem völlig wertungsfreien Raum statt. Hier gibt es kein „schön“ oder „hässlich“. „Es gibt keine unmusikalischen oder unrhythmischen Menschen“, sagt Gaby Flossmann, „wir sind per se musikalische Wesen“. Das Wiederentdecken der Musikalität bei den Menschen, mit denen sie arbeitet, habe sie sich zur Lebensaufgabe gemacht.
Mal zehn Minuten, aber auch mal eineinhalb Stunden kann so eine Begegnung mit der Musiktherapeutin auf der Palliativstation dauern – „das ist sehr offen, sehr situationsbedingt“. Auch der Ort ist frei wählbar – sei es das Patientenzimmer oder im „Raum der Stille“. Selbst der neue Klangstuhl, ein voluminöses Saiteninstrument entworfen vom mehrfach ausgezeichneten Berliner Baumeister Bernhard Deutz, ist mobil und kann an den gewünschten Ort gefahren werden.
Die Arbeit in einem wertschätzenden, wohlwollenden Team macht die Aufgabe auf der Palliativstation für Gaby Flossmann zu einem Geschenk. Und auch die gemeinsame Zeit, betont die Musiktherapeutin, gäbe nicht nur den Patienten und Angehörigen etwas, auch sie bekomme viel zurück: „Hier geht’s ums Wesentliche, da findet echte Begegnung statt.“ Sie habe durch ihre Arbeit einen anderen Blick auf die Dinge bekommen, „es relativiert vieles“. Schon oft hat die 48-Jährige Menschen beim Sterben begleitet. „Ich lade dann zum Beispiel ein, zusammen zu singen. Da entsteht ein Schwingungsfeld, das schafft eine Verbindung“, beschreibt sie die berührende Situation. „Die Musik ist dabei Trösterin, Kraftspenderin.“
Für viele sei die Palliativstation gleichbedeutend mit der „letzten Lebens-Station“, weiß Gaby Flossmann. Dabei gingen manche Patienten wieder nach Hause oder ins Hospiz. „Eine solche Einrichtung wünsche ich mir für Passau.“ Die Erweiterung der Palliativstation am Klinikum mit dem Umzug in das neue Bettenhaus auf nun zwölf Betten begrüßt sie. Ihr Wunsch: dass die Themen Tod und Sterben mehr Platz in der Gesellschaft finden. Ganz nach ihrem eigenen Grundsatz: „Der Mensch als Ganzes“.